Mit dem Nachtzug durch China

Man nehme: zwei Damen auf Rundreise durch China, diverse europäische und noch mehr chinesische Mitreisende, einen überfüllten Nachtzug, einen abwesenden Reiseleiter und viel Humor.

Liest man die Beschreibungen für die Zugfahrt von Peking nach Xiang, erwartet man Luxus und paradiesische Zustände. Es ist dort von verschiedenen Preisklassen für Hardsleeper und Softsleeper zu lesen, wobei davon auszugehen ist, dass es teurer ist, soft zu schlafen. Ich möchte ja nicht wissen, wie die Hard-Klasse aussieht … aber eins nach dem anderen. Die Züge entsprechen – laut Reiseprospekt – europäischen Standards und es soll genug Platz geben, das Gepäck unterzubringen. Aber von vorn:

Abenteuer 1: Abteil finden

Wir – zwei Frauen – unternahmen zusammen mit einer organisierten Reisegruppe eine fantastische Rundreise durch China. Auf dem Programm standen die Klassiker: Shanghai – Peking – Xian. Für die Fahrt von Peking nach Xian war der Nachtzug vorgesehen. Zwölf Stunden Fahrt mit dem Zug quer durch China! Wir waren gespannt, freuten uns auf dieses Erlebnis und waren froher Dinge, als wir mit unserer Gruppe von unserem bis dahin total netten und hilfsbereiten Reiseleiter zum Bahnhof gebracht wurden. Im Vorfeld hatten wir beide die teurere Softclass reserviert, uns erwartete demnach ein Abteil für vier Personen, das wir zu zweit nutzen konnten.

Schnell stellte sich heraus, dass der Zug überbucht war (ich dachte, sowas gibt’s nur bei billigen Pauschalreisen) und wir beide als einzige in der Gruppe kein eigenes Abteil haben würden, sondern im „Großraumwagen“ übernachten sollten. Bevor meine Tante und ich – harmoniebedürftig wie wir nun mal sind – eilfertig zustimmen hätten können, verfiel unser Reiseleiter in Hektik, wies uns an, zu schweigen (!) und verhandelte lautstark mit dem Schaffner. Wir vermuteten, dass Bargeld geflossen ist. Schließlich konnten wir unsere zwei Koffer und uns in ein Abteil schlichten, der Reiseleiter konnte gerade noch den bereits anfahrenden Zug verlassen. Offensichtlich waren wir nun in einem Abteil für Softsleeper. Der Raum verdiente allerdings die Bezeichnung Abteil nicht. Es handelte sich um eine Zelle mit zwei Stockbetten, jedes ungefähr 70 cm breit. Es war eng, stickig und unglaublich schmutzig.

Einige Kabinen weiter wurde eine fünfköpfige Familie (ebenfalls Mitreisende unserer Gruppe) untergebracht. Man fragte uns, ob wir unsere zwei übrigen Betten als Kofferablage zur Verfügung stellen könnten, denn in den Zellen war entgegen der vollmundigen Ankündigung des Veranstalters kein Quadratmillimeter für ein noch so kleines Köfferchen Platz. Also wurden unsere zwei und weitere fünf bis sechs Koffer auf die jeweils oberen Betten verfrachtet.

Wenige Minuten nach Abfahrt stand der Schaffner wieder vor unserer Abteiltür, ungefähr zehn chinesische Männer im Schlepptau, die alle der Meinung waren, wir hätten widerrechtlich ihr Abteil besetzt. Der Reiseleiter hatte vielleicht nicht überzeugend und finanziell ausreichend genug argumentiert und jetzt war er weg, wir waren also auf uns allein gestellt. Der Blick des Schaffners und seiner chinesischen Kunden fiel auf die vielen Koffer und in diesem Augenblick erfüllten wir zwei europäischen Damen wohl jedes Klischee. Unverschämtheit, die zwei Langnasen besetzen zwei wertvolle Betten nur für ihr Gepäck! Fragen Sie mich nicht, wie wir es geschafft haben, unser Abteil zu verteidigen, und das ohne weiteren finanziellen Einsatz.

Abenteuer 2: Essen im Zug

Nun war nur noch wichtig, etwas zu essen zu bekommen, bevor die Nacht hereinbricht und wir zum romantischen Teil der Zugreise übergehen konnten: aus dem Fenster schauen und … ja was konnten wir sehen? Nichts, das Fenster war so schmutzig, dass man nicht hindurchschauen konnte und draußen war es mehr als Nacht. Stockdunkel. Kein Licht weit und breit. Aber das merkten wir erst später. Zunächst sperrten wir unser wertvolles Abteil ungefähr fünfmal ab, um es vor feindlichen Übernahmen zu schützen und dann machten wir uns auf den Weg in Richtung Speisewagen. Das war gar nicht so einfach, denn auf den schmalen Gängen campierten alle chinesischen Mitreisenden, die wohl weder Hard- noch Softclass, sondern „Flur“ gebucht hatten, falls es sowas gibt. Endlich angekommen, fanden wir zu unserer großen Überraschung sogar Platz. An einem der Tische saßen ein paar Uniformierte (Schaffner, Polizisten, Soldaten? Man weiß es nicht genau). Offensichtlich verursachten wir zwei europäischen Frauen, die es wagten, ohne männliche Begleitung hier aufzutauchen, einiges an Unbehagen. Erst, als unsere restliche Reisegruppe dazukam, konnten wir etwas zu essen bestellen. Der Rest der Zugreise ist nicht besonders erwähnenswert. Wir haben schlecht bis gar nicht geschlafen, aus Angst vor Wanzen waren wir quasi vom Hals bis zu den Zehen dick eingepackt. Die Toiletten waren nicht zu benutzen – das noch als kleine Anmerkung am Rande.

Als wir am nächsten Morgen in Xian ausstiegen, kam uns das Chaos, der Mief, der Dreck und das Menschengewühl in der Stadt direkt paradiesisch vor. Trotz aller Widrigkeiten – missen möchte ich die Reise mit dem Nachtzug quer durch China auf keinen Fall.

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